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Apostolat vom Krankenbett aus
Sel. Anna Schäffer
Gedenkstätte der sel. Anna Schäffer in der Pfarrkirche von Mindelstetten
Grabstätte der sel. Anna Schäffer in der Pfarrkirche von Mindelstetten
Am 4. Februar 1901 kam es im Leben der gerade einmal 19-jährigen Anna Schäffer aus dem bayerischen Mindelstetten zu einer dramatischen Wende. Die junge Magd arbeitete im Forsthaus von Stammham, einer Ortschaft nördlich von Ingolstadt, und wollte dort in der Waschküche ein Ofenrohr reparieren. Sie stieg dazu auf einen Mauervorsprung, glitt aber dort so unglücklich aus, dass sie mit beiden Beinen in die kochendheiße Waschlauge fiel.
Trotz intensiver ärztlicher Hilfe sollte sich Anna Schäffer nie mehr von diesem Unglück erholen. Doch entschloss sie sich nach langen inneren Kämpfen, ihr Leiden als Weg zu betrachten, Christus ähnlich zu werden. Dabei war ihr als Mitglied des Dritten Ordens in besonderer Weise Franz von Assisi Vorbild. Sie wuchs über sich selbst hinaus und zeigte, was Glaube der bewirken kann. Am 7. März 1999 hat Papst Johannes Paul II. Anna Schäffer seliggesprochen. 
Gottverbundenes Leben
In der Ortschaft Mindelstetten unweit von Ingolstadt und im Bistum Regensburg gelegen, wurde sie am 18. Februar 1882 geboren. Der Vater war Tischler, ein frommer Mann, der bereits mit 40 Jahren starb und die Familie in großer Armut zurückließ. Anna war damals 14 Jahre alt und hegte den Wunsch, Ordensfrau zu werden. Damals war es für einen Klostereintritt unerlässlich, dass die Kandidatinnen dem Orden eine finanzielle Zuwendung zukommen ließen – so wie junge Frauen bei der Hochzeit für die Familie des Ehemannes eine Mitgift mitbrachten. Anna konnte verständlicherweise dieses Geld nicht von der Mutter erhalten, sie musste es sich durch harte Arbeit verdienen. In Regensburg wird sie Dienstmädchen bei einer Apothekerin, dann findet sie Beschäftigung bei einem Amtsgerichtsrat in Landshut. Hier hat sie im Jahr 1898  eine Vision, die sie in Angst und Schrecken versetzt. Christus offenbart ihr in der Gestalt des Guten Hirten, sie werde bald schwer leiden müssen. Anna, obgleich im Tiefsten ihres Herzens bereit, sich auf Gottes Willen einzulassen, verlässt fluchtartig ihre Arbeitsstelle, doch sie kann der schlimmen Prophezeiung nicht entgehen.
Dabei hatte der Unfall im Forsthaus von Stammham für das junge Mädchen nicht nur ein massives körperliches Leiden zur Folge, sondern obendrein eine noch größere Armut, als sie schon zuvor leiden musste. Die Krankenkasse war nach einigen Monaten nicht mehr bereit, die Kosten der Behandlung zu übernehmen. Die Mutter pflegte Anna nun. Zwar ermöglichte man der Schwerkranken eine Therapie im Klinikum Erlangen, wo sie sich rund neun Monate aufhielt, doch trotz aller Bemühungen konnten die Ärzte sie auch dort nicht mehr heilen. Im Gegenteil: Ihre Krankheit verschlimmerte sich, und bald konnte sie ihr Bett nicht mehr verlassen. Insgesamt 23 Jahre lang wird sie so leiden.
Zudem muss sie gemeinsam mit der Mutter das Elternhaus verlassen, weil dort der Bruder mit seiner Familie wohnt. Die beiden mieten ein Zimmer und müssen von neun Reichsmark monatlich – Annas Invalidenrente – leben.
Weggefährtin für Notleidende
Zuerst tut sich Anna Schaeffer schwer, ihre Krankheit anzunehmen, was ganz natürlich ist. Doch eines Tages wird ihr bewusst, dass Gott ihr mit diesem Leiden eine Aufgabe gestellt hat: dem leidenden Christus nachzufolgen. Anna intensiviert ihre Beziehung zu Gott nun noch mehr. Ihr geistlicher Begleiter, der Mindelstetter Pfarrer Karl Rieger, spendet ihr täglich die Heilige Kommunion, nachdem Papst Pius X. den Gläubigen den täglichen Kommunionempfang erlaubt hat. Zuvor wurde Anna mitunter mit einem Sessel in die Pfarrkirche getragen, um das Altarsakrament zu empfangen. 
Die Eucharistie gibt ihr die Kraft, ihre Schmerzen zu ertragen. Anna wird zunehmend gelassener und in ihrem Leiden anderen Menschen in Not Weggefährtin. Sie verspricht, alle, die Schweres ertragen müssen, in ihr Gebet einzuschließen. Unzählige Briefe verfasst sie, in denen sie Trost ausspricht, deutlich macht: Ihr seid nicht allein. Annas Apostolat der Fürbitte spricht sich herum. Sogar aus den Vereinigten Staaten erhält sie Post, und gerade während des Ersten Weltkriegs wenden sich viele notleidende Soldaten an sie.
Daheim wird sie von ihrer Bettstatt aus auch zur Katechetin: Den Kinder aus Mindelstetten erzählt sie von Christus, von der Gottesmutter und den Heiligen. Annas Glaubensfreude beeindruckt die Buben und Mädchen und sie besuchen sie immer wieder.
Ihre Niederschriften und Briefe versieht sie gern mit dem Herzen Jesu. Leiden und Liebe hängen für sie untrennbar zusammen. Sie ist davon überzeugt, dass ihre Krankheit nicht auf einen boshaften Weltenherrscher zurückzuführen ist, sondern dass sie dem unergründlichen Plan eines liebenden Gottes entspringt. Am 4. Oktober 1910 erlebt sie diese Liebe in höchster Intensität. Es ist das Fest des heiligen Franz von Assisi, und so wie er empfängt sie die schmerzhaften Zeichen der Christusnachfolge, die Wundmale. In einer Vision begegnet ihr zunächst Franziskus, dann Christus. Sie spürt die Nähe Gottes, ihr steht es jetzt ganz klar vor Augen: Gott ist mein Wegbegleiter, er hat meinen Weg, mit meinem Leiden umzugehen, angenommen. Die Stigmata sind für sie daher nur noch mehr Ansporn, ihr Gebets-, Gesprächs- und Briefapostolat vom Krankenbett – der „Leidenswerkstatt“, wie sie sagt – auszuüben. Allerdings möchte sie nicht, dass jemand von den Wundmalen erfährt. Keiner soll aus Sensationslust zu ihr kommen. Tatsächlich heilen die Wunden, doch Schmerzen bereiten sie ihr weiter.
Im Ruf der Heiligkeit gestorben
Ab dem 25. April 1923 verschlechtert sich Annas Zustand extrem. Die Beine kann sie nun gar nicht mehr bewegen, sie muss schmerzhafte Krämpfe aufgrund einer Erkrankung des Rückenmarks aushalten, und obendrein wird bei ihr Darmkrebs diagnostiziert.
Schließlich, im Spätsommer 1925, stürzt sie unglücklich aus dem Bett und verletzt sich dabei so schwer am Kopf, dass sie am Ende ihres Lebens nur noch mit großer Mühe sprechen kann. Am 5. Oktober 1925 stirbt Anna Schäffer im Alter von 43 Jahren. Ihre letzten Worte sind: „Jesus, dir leb ich.“
Unter großer Anteilnahme wird sie am 8., Oktober zu Grabe getragen. Pfarrer Rieger, Annas langjähriger geistlicher Führer, hält das Requiem – überzeugt, dass eine Heilige bestattet wird. Und tatsächlich wird Mindelstetten im Lauf der Jahre zu einem Pilgerort. Am 26. Juli 1972 gibt der damalige Bischof von Regensburg Rudolf Graber grünes Licht für die Eröffnung des Seligsprechungsprozesses.
Anlässlich der Seligsprechung am dritten Fastensonntag 1999 gab der damalige Regensburger Bischof Manfred Müller einen Hirtenbrief heraus, in dem er fragt: „Was will Gott uns durch unsere neue Selige heute sagen?“ Dabei stellt er unter anderem heraus, das wir als gesunde Menschen von den Kranken unendlich viel lernen können. Sie verweisen uns nämlich darauf, dass Leben mehr als Leistung und Genuss ist. Tatsächlich zeigt das Beispiel der seligen Anna Schäffer ja auch, wie sehr sie gerade durch ihre Krankheit zur beeindruckenden Zeugin für den Glauben wurde. In ihrer Leidenswerkstatt, dem Krankenbett, ermutigte sie andere Kranke, lehrte sie die Kinder die Grundlagen des Christentums und bezeugte durch ihre liebevolle Verbundenheit mit Christus und ihre Güte zu den Menschen die Anwesenheit Gottes in der Welt. Dieses Zeugnis ist wohl  das Wichtigste, was ein Christ geben kann.
Raymund Fobes