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Angelo Roncalli – Papst Johannes XXIII.
und Mitglied der FG an
Ordensvater Franz von Assisi
Von Bruder zu Bruder
Ein fiktiver Brief aus dem Himmel
Zu den Mitgliedern der Franziskanischen Gemeinschaft gehörte auch der im Jahr 2014 heiliggesprochene Papst Johannes XXIII., der dem Poverello lebenslang sehr verbunden war. Kurz vor Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils reiste der Papst am 4. Oktober 1962 nach Assisi, um dort  für ein gutes Gelingen des Konzils zu beten. Hier erinnerte er in der Grabeskirche an den Geist der Geschwisterlichkeit, der von Assisi ausgeht. Darüber hinaus konnte sich der Papst gerade mit der Armut des Poverello nur allzu gut identifizieren. Angelo Roncalli stammte selbst aus einer armen Bauernfamilie aus den italienischen Alpen und hat immer wieder die urfranziskanische Erfahrung gemacht, dass Leben gerade dann gelingen kann, wenn es sich vom Luxus unabhängig macht. In seinem geistlichen Testament vom 29. Juni 1954 schrieb er: “Als arm Geborener freue ich mich besonders darauf, arm zu sterben … Ich danke Gott für diese Gnade der Armut, die ich in meiner Jugend gelobt habe – Armut im Geist als Priester der Heiligsten Herzen Jesu und materielle Armut: Das hilft mir, nicht zu fordern, weder Posten, noch Geld, noch Gunsterweise”.
Als Christen können wir glauben, dass Angelo Roncalli heute mit Franz von Assisi in der Gemeinschaft der Heiligen in der Nähe Gottes lebt. Das Leben im Himmel ist uns normal Sterblichen natürlich noch verborgen. Aber möglicherweise gibt es in jenen Gefilden auch noch so etwas wie einen Briefverkehr. Im folgenden soll einfach einmal ein wenig spekuliert werden, wie so ein Brief von Papst Johannes XXIII. an Franz von Assisi vielleicht aussehen könnte.
Lieber Bruder Franziskus von Assisi,
„Poverello“ – den kleinen Armen haben sie Dich in meiner Heimat Italien so liebevoll genannt, und wahrscheinlich bist Du mir auch deswegen immer so nahe gewesen. Das aus mehreren Gründen: Zum einen, weil ich auch selbst die materielle Armut, nach der Du Dich so gesehnt hast, erlebt habe – und vor allem, so wie Du, gespürt hast, dass gerade hier der Schlüssel zum Glück liegt. Wir Roncallis waren arme Bauern droben in den italienischen Alpen, in Sotto il Monte bei Bergamo. Fleisch gab es einmal die Woche, meistens aßen wir Polenta. Es war nicht viel auf dem Mittagstisch, doch satt sind wir alle geworden. Aber was das Wichtigste ist: Wir waren nicht unglücklich. Die Einfachheit, in der wir lebten, sie war eine heilige Einfachheit – denn sie förderte die Gemeinschaft. Wir waren alle Schwestern und Brüder, unterstützen uns und halfen einander. Der Geist der Geschwisterlichkeit, den Du, Franziskus, so gelebt hast – für mich war er erlebbar in der Gemeinschaft im Bauernhaus im kargen Alpenland. Deshalb hat finanzieller Reichtum für mich nie eine Rolle gespielt. Ich habe gespürt, dass es besser ist, mit Wenigem zufrieden zu sein, und es von daher für mein Leben hilfreich ist, von dem, was ich zuviel habe, denen zu geben, die zu wenig haben. Lieber Poverello, ich kann gut verstehen, dass du in der Armut und im Teilen mit den anderen glücklich geworden bist.
Und noch einen zweites hat mich Deine gelebte Armut gelehrt: Wer arm ist, der kann sich beschenken lassen. Er entdeckt die Größe Gottes in den kleinen Dingen. Du nanntest alle in der Welt Bruder und Schwester, die ganze Schöpfung bis hin zum Tod, der uns alle ereilt, aber Bruder sein kann, wenn wir von den irdischen Reichtümern losgekommen sind.
Alles ist von Gott gegeben – und Gott sah, dass seine Schöpfung gut war. Du, lieber Poverello, hast es auch gesehen. Die Schöpfung hast du als gut erkannt, weil Du Gott als gut und vor allem als den ewig Beschenkenden erkannt hast. Die eine Perle, die das Leben mit Christus ist, lässt alle anderen Schätze nichtig und klein erscheinen. Doch um das zu begreifen, müssen wir arm werden und arm bleiben. Das hast Du mich gelehrt.
Im Jahr 1896 bin ich dem franziskanischen Dritten Orden, der Franziskanischen Gemeinschaft, beigetreten. Ich habe diesen Schritt, den ich als Seminarist in Bergamo gemacht habe, nie bereut. Du, lieber Poverello, hast den Dritten Orden zwar nicht selbst gegründet, aber er nimmt Deine wesentlichen Anliegen auf: Dein Brief an die Gläubigen, in dem Du viele brennende Fragen deiner Mitmenschen ansprichst, ist das Programm der Gemeinschaft. Du hast diesen Brief an Brüder und Schwestern gerichtet, die zwar nicht zum engen Kreis Deines Ordens gehörten, gleichwohl aber zu denen, die sich Deinem Geist verbunden fühlten – an eine franziskanische Gemeinschaft der ersten Stunde also. Dieser Brief an die Gläubigen hat auch mich sehr beeindruckt: Zum einen ist ein Aufruf zur Christusnachfolge. Du schreibst viel von der Liebe Jesu Christi, und im jedem Buchstaben spürt man, dass es für uns nur zum Segen sein kann, wenn wir uns Christus anschließen, wenn wir Wege suchen, Ihm zu begegnen. Dabei betonst Du auch die Sakramente – unter anderem die Beichte, und ich kann für mich nur sagen, dass ich nicht zuletzt deswegen mit Dank und Freude im Alter auf mein Leben zurückgeblickt habe und es auch heute noch im Himmel tue, weil ich jede Woche das Bußsakrament empfangen habe. Natürlich folgt für Dich aus dem Dienst an Gott der Dienst an der Welt. Er ist aber immer Frucht aus dem Glauben, Konsequenz der Nachfolge. Du hast in dem Brief wenig über den Weltdienst geschrieben – ich vermute deswegen, weil er für dich so offensichtlich ist, dass Du ihn nicht eigens erwähnen musst. Der Einsatz für den Frieden auf Erden wie auch für die Liebe unter den Menschen haben ja sowohl Dich wie auch Deine Brüder und später die gesamte Franziskanische Gemeinschaft geprägt – und auch mich: Mir lag der Frieden immer am Herzen, und mir war klar, dass er nur aus der Liebe erwachsen kann. Ich wollte allen Bruder sein, das Wort geschwisterlich teilen und so die Botschaft Jesu, die eine Botschaft zum Leben ist, der Welt anbieten.
Dabei stand dieses Tun aber auch stets im Zeichen meines Wunsches, Christus nachzufolgen. Mir hat man den Satz „Papst Johannes, nimm dich nicht so wichtig“ in den Mund gelegt. Ich weiß gar nicht, ob ich das einmal gesagt habe – aber wenn nicht, so passt dieses Wort doch gut zu mir.
Viel wichtiger als sich selbst wichtig zu nehmen ist es doch, dass wir uns Kinder Gottes nennen dürfen, darauf vertrauen, dass Gott uns liebt. Doch dieses Vertrauen gilt es immer wieder einzuüben. Darum finde ich es so wichtig, dass die Franziskanische Gemeinschaft das Stundengebet hochhält. Die festen Gebetszeiten der Kirche helfen, sich in die Freundschaft mit Christus einzuüben – und die biblischen Texte können dabei eine große Hilfe sein. Gerade die festen Zeiten erfordern es manchmal über den Schatten zu springen und liebgewordene Bequemlichkeiten zu überwinden, aber wenn das erst einmal gelungen ist, dann kann man spüren, wie sehr man in der Gemeinschaft mit Gott und auch dem Nächsten wächst. Der heilige Franz von Sales, der so wie du, lieber Franz von Assisi, einer meiner Lieblingsheiligen ist und übrigens auch zur Franziskanischen Gemeinschaft gehörte, hat einmal gesagt: „Wenn Du meinst, du hättest nur Zeit für ein Vaterunser – so bete zwei.“ Und es würde mich nicht wundern, wenn Franz von Sales zeit seines Lebens als heiliger Menschenfreund gerade deswegen galt, weil er diesen Satz verwirklicht hat.
Gottesdienst und Weltdienst, Liturgie und Diakonie, gehören also eng zusammen. Das Zweite Vatikanische Konzil, zu dessen Einberufung mich der Heilige Geist gedrängt hat, betonte das – und infolge seiner Aussagen, auch zur wichtigen Bedeutung der Laien und ihres Zeugnisses in der Kirche, sind die Statuten der Franziskanischen Gemeinschaft neu erarbeitet worden. Und da hat die FG sich genau das zueigen gemacht.
Ja, lieber Poverello, vor mehr als 800 Jahren hast Du Menschen eingeladen, um mit Dir Jesus nachzufolgen. Und immer noch ist Dein Geist heute lebendig, gerade auch in vielen Kreisen der Franziskanischen Gemeinschaft, die – so wie Du – Gottes- und Weltdienst zur Ehre Gottes und zum Segen der Menschen vereinbaren. Auch wenn uns beiden die Demut immer ein Herzensanliegen war – ich glaube, wir dürfen auf unsere FG, die sich so dafür einsetzt, dass Dein Geist weiterwirkt in das 21. Jahrhundert, auch ein bisschen stolz sein und uns freuen, dass es diese Gemeinschaft gibt. Und wäre sie nicht schon gegründet, so müsste man sie erfinden.
Herzlich grüßt Dich
Dein Angelo Roncalli, Papst Johannes XXIII.
Übrigens: Der Ghostwriter dieses Briefes heißt Raymund Fobes.
Er ist Journalist, Diplomtheologe und Ständiger Diakon. Außerdem gehört er dem OFS in Ingolstadt an.
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Gedenkplakette an den Assisibesuch von Papst Johannes XXIII am 4. Oktober 1962 an der Basilika San Franceso, Assisi (Foto: Raymund Fobes)